Montag, 13. Mai 2013

Günter Blutke "LEIPZIG Fotografien 1956-1959"

In diesen Tagen erhielt ich vom Mitteldeutschen Verlag aus Halle einen Fotoband mit Schwarz-Weiß Bildern zu Leipzig aus den späten 50er Jahren. Günter Blutke, der Fotograf, war zu dieser Zeit Student an der Leipziger Universität. Sein Spektrum an Motiven ist mannigfaltig: von 1. Mai-Aufmärschen über Kommilitonen aus aller Welt bis hin zu typischen Leipziger Gebäuden (Bsp. das Zentralstadion). Obwohl ich erst Jahrzehnte später geboren wurde, erinnert mich vieles auf den Bildern an meine eigene Kindheit, ob es nun die Aufnahmen vom Alten Rathaus oder der Mädlerpassage sind. Und wieder ist es die unnachahmliche Wirkung und Atmosphäre der Schwarz-Weiß Bilder, die beim Betrachter eine wehmütige Stimmung auslösen. Auch ich, als Leipzigerin, spüre wie mich jede einzelne Aufnahme emotional erreicht. Die Nachkriegszeit, gerade mal zehn Jahre ist der 2. Weltkrieg Geschichte, ist auf allen Bildern gegenwärtig und Leipzig kann sich glücklich schätzen (im Vergleich zu Dresden), dass viele historische Gebäude erhalten geblieben sind.

Mädlerpassage
Leipziger Straße


















Blutke war in diesen Jahren mit zwei verschiedenen Kameras in Leipzig unterwegs: mit einer Exakta Varex und einer 6x6-Kamera, eine tschechische Flexaret. Sein persönliches Resümee jener Jahre: "Eine Zeit voller Umbrüche und Aufbrüche, voller Träume und Hoffnungen. Wir in unserem kleinen deutschen Ländchen - das war damals auch mein Gefühl - gehörten zu dieser Welt des Aufbruchs. Die Jahre haben viele Irrtümer korrigiert, auch diesen."

Vielen Dank für die Zusendung dieses wunderschönen Bildbandes!

Wer sich für Fotografie interessiert, findet auf glasperlenspiel13 weitere Besprechungen: hier, hier und hier.

Mittwoch, 1. Mai 2013

VORSICHT BUCH - DIE KAMPAGNE FÜR DAS BUCH.

In Leipzig auf der Leipziger Buchmesse bin ich das erste Mal über diese Kampagne gestolpert. Nicht verwunderlich, da die deutsche Buchbranche unter dem Slogan "Vorsicht Buch!" die Plattform gewählt hatte, um das Buch in erster Linie und das Lesen in zweiter Lesen zu fördern. Eine bekannte Hamburger Werbeagentur hatte mit einem Budget von rund drei Millionen Euro eine Initiative gestartet, die den Leser wieder in den Buchhandel vor Ort führen soll. Mit mehr oder weniger witzigen Postern, Karten und Plakaten wollen sie das Buch wieder in den Fokus rücken.


Jeder kann Teil der Kampagne werden und auf facebook bei verschiedenen Aktionen mitmachen. Ich habe bis jetzt sehr unterschiedliche Meinungen vernommen: eine interessante, kritische Stimme findet ihr in der Zeit.

Sonntag, 28. April 2013

Bernhard Moshammer "Die Zukunft wird kein Honiglecken"

Familie - für viele eine romantische Vorstellung von Sicherheit, Vertrautheit und Harmonie. Wer sich dieses Idealbild erhalten will, sollte dieses Buch nicht lesen!

Bernhard Moshammer räumt schonungslos mit Klischees und Träumereien auf. Lotte hat mit 44 soeben ihren zweiten Sohn (ihr erster Anselm ist bereits 17 Jahre und dabei sich vom Elternhaus loszusagen) bekommen, als ihr Mann Lutz gesteht, dass er mit einer wesentlich jüngeren Arbeitskollegin eine Affäre hat. Dass diese wenig später auch mit dem Sohn Anselm ins Bett geht, lässt die Katastrophe auf einen Höhepunkt zusteuern. Lotte reagiert auf all das nur mit Schweigen.
Was mir an "Die Zukunft wird kein Honiglecken" so gefällt: Moshammer rutscht nie in die gängigen Stereotypen ab und bleibt in seiner Sprachwahl bissig, direkt und sehr ehrlich. Die Innenstrukturen einer jahrelangen Ehe werden sehr genau obduziert und vor allem Lotte und ihr Sohn Anselm demontierten den gängigen Familienbegriff: "Alltägliches Kriegsgetümmel. Familien sind wie Fernsehserien, nur ohne Gags - und weder kann man den Kanal wechseln noch den verdammten Fernseher ausschalten." Moshammer thematisiert neben Familie und Ehe in der modernen Zeit auch das Dilemma der heutigen Intellektuellen und so fragt sich Lotte "Erfassen die Einfältigen das Leben in seiner wahren Bedeutung, weil sie es einfach akzeptieren und nicht mir philosophischen Konzepten und unrealistischen Wünschen und Vorstellungen verderben und verkomplizieren?" Moshammer nimmt dabei ganz nebenbei Österreich und seine Macken auf die Schippe. Er macht auch nicht halt vor den psychischen und physischen Problemen einer Frau kurz nach einer Geburt; beschreibt sehr detailliert und präzise die Gefühlswelten einer frischen Mutter.
Die Erzählperspektive wechselt ständig, so kommt keine Routine oder gar Langweile beim Leser. Des Öfteren meldet sich sogar eine dritte Instanz und bemängelt dies oder jenes beim Schriftsteller.

Zur weiteren Einstimmung kurz ein paar Zitate:

„Die österreichische Jugend hat nicht die geringste Ahnung von schlechten Zeiten, von Druck oder Angst oder Unsicherheit. Noch keine Generation war so dekadent und von noch keiner Generation ist so wenig verlangt und gefordert worden wie von dieser.“ (Josef, Vater von Lotte 73)
 
„Dieser Generation wäre sogar der Hitler wurscht!“ (Anna, Mutter von Lotte 71)

„Wie heißt es so schön: Die Kinder sind die Zukunft! Scheiß drauf: Die Zukunft bin ich!“ (Lutz, 46)

„Ach, hätte ich nur eine Pistole zur Hand, irgendetwas zum Abschlachten und Ruhigstellen von Familien.“ (Lotte, 44)

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Bernhard Moshammer "Die Zukunft wird kein Honiglecken"
Milena Verlag 2013

Mittwoch, 17. April 2013

Hermann Hesse "Stufen"

Hermann Hesse hat mit seinem "Glasperlenspiel" schon Pate für den Namen meines Blogs gestanden. Zeit also ihn auch hier mehr in Erscheinung treten zu lassen; zumal das vorgestellte Gedicht "Stufen" im zweiten Teil des genannten Romans Eingang findet.

Stufen


Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse

Sonntag, 7. April 2013

Karl-Heinz Blaurock "Geplant - Verplant?"

Heute möchte ich Euch ein sehr spezielles Buch vorstellen. Es fällt ein wenig aus dem Rahmen der sonst hier präsentierten Literatur. "Geplant-Verplant?" ist ein ganz persönlicher Rückblick eines Menschen, der 1945, nach Kriegsende, als junger Mensch die DDR mit aufgebaut hat. 40 Jahre lang hat Dr. Karl-Heinz Blaurock in leitenden Funktionen der Planwirtschaft in Leipzig gearbeitet, dabei viele interessante Personen der Zeitgeschichte, wie Che Guevara und Angela Davis, kennen und schätzen gelernt und Einsichten in das strukturelle Gefüge auf kommunaler Ebene der Deutschen Demokratischen Republik erhalten. Er beschreibt in seiner autobiografischen Schrift ein komplettes Arbeitsleben - von 1945 bis 1990 - versucht dabei subjektiv das Geschehene darzustellen aber auch objektiv Fehler einzugestehen. Er erzählt sowohl von den negativen aber auch von positiven Seiten dieser Zeit, geht dabei mit sich selbst und mit anderen ins Gericht. Zuweilen ist der Bericht sehr detailliert, für Laien, die sich auf dem Gebiet der Planung zu Zeiten der DDR nicht auskennen nicht immer ganz einfach nachzuvollziehen und vieles an Vokabular existiert so nicht mehr. Dem Leser gibt Blaurock mit auf dem Weg:

"Wenn ich bei der Betrachtung meines Weges in das politische Leben schreibend um Klarheit bemüht bin, dabei den Versuch unternehme, Fehler und Mängel wie Mosaiksteinchen zusammenzustellen, die schließlich alle zusammen zum Scheitern der DDR beitrugen, betone ich von vornherein, wir brauchen uns bei niemanden zu entschuldigen. Östliche Freiheit war die Einsicht in die Notwendigkeit dessen, was wir für Sozialismus hielten, westliche Freiheit dagegen ist die Einsicht in die Notwendigkeit, die Herrschaft des Kapitals und deren politische Macht. Die entwickelte sozialistische Gesellschaft hat es nie gegeben. Die Betonung liegt hier auf entwickelt. Das habe ich in der Planung mit am deutlichsten gespürt, ohne vom Grundanliegen her eine bessere Lösung zu wissen. Es waren höchstens Versuche auf dem Weg zum Sozialismus, die nicht gelungen sind."

Intention des Autors war es Bericht abzulegen, seine Sicht der Dinge darzustellen und auch aktuellen Richtungen in der Geschichtsschreibung entgegenzuwirken. Aus ganz persönlichen Gründen habe ich zu diesem Buch gegriffen, habe dadurch viele Begebenheiten und Informationen über Leipzig, meine Heimatstadt, erfahren. Vertrautes wieder erkannt und Neues entdeckt. Man begegnet einem Menschen, der für seine Überzeugungen eintritt und diese heute noch verteidigt, der aber auch zweifelt und kritisch hinterfragt, ein Mensch, der andere weder bekehren noch sich und seine Handlungen rechtfertigen möchte, sondern nur bemüht ist, sein Lebensweg schriftlich festzuhalten, um folgenden Generationen ein anderes, differenzierteres Bild zu geben. "Geplant-Verplant?" ist sicher keine Bettlektüre für jederman aber durchaus ein ganz wichtiger Beitrag für die Geschichtsschreibung zur DDR!

Diesen Beitrag möchte ich einem geliebten Menschen widmen
Die Bücherliebhaberin


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Dr. Karl-Heinz Blaurock "Geplant - Verplant?"
Schkeuditzer Buchverlag 2001

Donnerstag, 4. April 2013

Carla Guelfenbein "Nackt Schwimmen"

Carla Guelfenbein & Michi Strausfeld
Für Carla Guelfenbein ist es schon Pflicht in Leipzig ihr jeweils neu erschienenes Buch vorzustellen. So auch dieses Jahr mit ihrem neuen Roman "Nackt Schwimmen": Eine Liebesgeschichte der besonderen Art unter besonderen Bedingungen. Im Jahr 1972, kurz vor dem Putsch Pinochets in Chile lernen sich Morgana und Diego kennen und lieben. Das Problem dieser Liebe: Morgana ist die beste Freundin von Diegos Tochter Sophie. Ein Bruch dieser Freundschaft ist vorprogrammiert. Der Roman erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Leidenschaft vor einem politischen Hintergrund. Carla Guelfenbein selbst hat den Putsch als 14jähriges Mädchen mit erlebt. Ihre Familie unterstützte in diesen Jahren Präsident Allende und als sie von den Ereignissen rund um den Präsidentenpalast hörten, verbrannten ihre Eltern noch am gleichen Tag kompromittierende Dokumente und Bücher. Vier Jahre später (1977) erschien das Militär mitten in der Nacht, um ihre Mutter mitzunehmen. Drei Wochen lang war sie verschwunden. Als sie dann endlich wieder auftauchte, entschied sich die Familie für das britische Exil.

Mit "Nackt Schwimmen" verfolgt die Schriftstellerin gleich mehrere Ziele. Zum einen interessierten sie die kleinen Geschichten, die das Leben schreibt, auch oder gerade während einer Diktatur. Sie nimmt dabei die drei Hauptprotagonisten unter die schriftstellerische Lupe und stellt Gefühle und Gedanken vergrößert dar. Zum anderen wollte Guelfenbein den Übergang von sexueller Anziehungskraft zu wahrer Liebe abbilden. Leidenschaft gäbe es schon immer, ob in Kriegs- oder Friedenszeiten. Sie wollte aber wissen, wie weit diese gehen kann - bis zum (bitteren) Ende. Die Liebesgeschichte von Diego und Morgana entwickelt sich dabei wie von selbst.


















Ein weiteres wichtiges Thema für sie im Roman ist der Wahrheitsbegriff und damit verbunden die Frage: Sollte man immer die Wahrheit sagen auch wenn sie weh tut? Sie kam dabei als Schriftstellerin an ihre Grenzen; wusste nicht damit umzugehen. In Santiago de Chile wurde 2010 das MUSEO DE LA MEMORIA eröffnet, das sich den Opfern und Verbrechen während der Diktatur widmet und somit nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsbewältigung in Chile leistet, sondern sich auch der Frage nach der ganzen schmerzvollen Wahrheit annimmt.

Bei einem kurzen Gespräch nach der Lesung fragte ich sie, warum sie Suhrkamp verlassen hat und zum Fischer Verlag gewechselt ist. Der Antwort war ich mir eigentlich schon bewusst aber sie bestätigte mit unverhohlen, dass sie ihrer Lektorin Michi Strausfeld gefolgt ist. Da sieht man mal wieder wie wichtig auch heute noch gute Lektoren sind. Und dann hat sie mir noch ein Detail über ihr neues Buch, an dem sie gerade schreibt und das voraussichtlich 2015 erscheinen wird, verraten: Die Protagonistin wird ebenfalls Vera heißen. Lassen wir uns überraschen ...


Mehr zu lateinamerikanischer Literatur findet ihr auf meiner Seite "Literatur aus Lateinamerika"

Freitag, 22. März 2013

Buchmesseperlen finden neues Zuhause

Die Buchmesse 2013 in Leipzig gehört schon wieder der Vergangenheit an und es wird Zeit, dass auch ich euch meine Eindrücke und Erlebnisse mitteile.



Diesen Beitrag widme ich aber zunächst meinen neuen Bücherperlen, die den weiten Weg von der Messe in mein Heim gefunden haben. Dieses Jahr habe ich weniger bei den Neuerscheinungen sondern vor allem bei der "Literaturmeile der Leipziger Antiquariatsmesse" zugegriffen: von Anna Seghers über Klaus Mann bis hin zu José María Arguedas.

 



Ganz herzlich möchte ich mich beim Septime Verlag Wien für zwei Rezensionsexemplare (Julio Cortázar und Nona Fernández) bedanken.

Mittwoch, 13. März 2013

Leipziger Buchmesse & Leipzig liest 2013

LOS GEHTS! 
Ab morgen Abend bin ich wieder mittendrin im Buchmessefieber. Tauche ab in die Welt der Literatur und daher ist es auf glasperlenspiel13 auch erstmal ruhig. Erlebnisse, Berichte und Neues rund ums Buch gibt es ab nächster Woche hier. 

Eure Bücherliebhaberin

Dienstag, 5. März 2013

Jeder Mensch ist ein Künstler

Sonne und Grau wechseln sich ab und schlagen aufs Gemüt. Wenn das Leben mal wieder mehr weh als gut tut, dann lasst euch von diesen Zeilen verzaubern:

Lass dich fallen.
Lerne Schnecken zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die “Ja” sagen
und verteile sie überall in deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue dich auf Träume.
Weine bei Kinofilmen.
Schaukel so hoch du kannst mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere “verantwortlich” zu sein. Tu es aus Liebe.
Mach viele Nickerchen.
Gib Geld weiter. Tu es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Zauberei.
Lache viel.
Bade im Mondlicht.
Träume wilde, phantasievolle Träume.
Zeichne auf die Wände.
Lies jeden Tag.
Stell dir vor, du wärst verzaubert.
Kichere mit Kindern.
Höre alten Leuten zu.
Öffne dich, tauche ein, sei frei.
Segne dich selbst.
Lass die Angst fallen.
Spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in dir.
Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken.
Werde nass.
Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.


Diese Zeilen werden oft Joseph Beuys zugeschrieben, obwohl sie im Original: How To Be An Artist eigentlich von Susan Ariel Rainbow Kennedy (SARK) stammen. Garantieren kann ich Euch das auch nicht. Vielleicht hat ja jemand mehr Details...

Mittwoch, 27. Februar 2013

Literaturkreis beschäftigt sich mit Marcel Reich-Ranicki

Der kleine aber feine Literaturkreis, der sich in den letzten Wochen mit der Autobiografie "Mein Leben" von Marcel Reich-Ranicki beschäftigt hat, tagte einmal mehr. Hat uns das letzte Treffen mit Christa Wolf noch politisiert, so emotionalisierte uns die Lektüre von R.-R. dieses Mal. Ich war zunächst sehr skeptisch, hatte ich doch einige Vorurteile gegen den so berühmten Kritiker. Als ich ihn vor drei Jahren live in Frankfurt sah, empfand ich sein Auftreten als eitel und teilweise nicht angenehm. Mit seiner Autobiografie wurde ich eines Besseren belehrt.

Einstimmig waren wir der Meinung, dass uns R.-R. mit seiner Schreibe und Leichtigkeit begeistert hat. Man spürt förmlich in jedem Absatz seine Leidenschaft für die Literatur, die auch den Leser nicht unberührt lässt. Seine für das Publikum leicht verständliche Sprache ist seiner Meinung nach auch das Erfolgsrezept: Er hat sich mit seinen Schriften immer an die Leserschaft gerichtet und nicht an die eigene Zunft. Überrascht war ich über sein wirklich abenteuerliches Leben. In dieser Vielschichtigkeit und Tragik war es mir gar nicht bewusst. Er floh zusammen mit seiner Frau Teophila aus dem Warschauer Ghetto, kurz vor der Deportation und beide überlebten die letzten Kriegsjahre - nur mit Hilfe eines polnischen Paares - im Untergrund von Hunger und Angst gezeichnet. Nach enttäuschenden Jahren im sozialistischen Polen floh er abermals; dieses Mal in die Bundesrepublik Deutschland. Dort schaffte er es innerhalb weniger Jahre zu einem anerkannten Kritiker für deutsche Literatur zu werden - sein Lebenstraum. In dieser Funktion traf er viele bekannte Schriftsteller und Zeitgenossen wie Günter Grass, Elias Canetti, Heinrich Böll und Max Frisch. Einer Tatsache wird er sich aber schnell bewusst:

"daß es zwischen Autor und einem Kritiker Frieden oder gar Freundschaft nur dann geben kann, wenn der Kritiker niemals über die Bücher dieses Autors schreibt, und wenn dieser sich damit ein für allemal abfindet."

An einigen Stellen kamen jedoch auch Fragezeichen auf. So nimmt er eindeutig Partei für Gustav Gründgens. Einer der wichtigsten und bekanntesten deutschen Schauspieler, der von Hermann Göring während des Nationalsozialismus protegiert wurde. Noch sehr gut habe ich den Roman von Klaus Mann "Mephisto" im Kopf. In diesem dekonstruiert der ehemalige Schwager (von 1926-1929 war Gründgens mit Erika Mann verheiratet) den Mensch und die Figur Gründgens Stück für Stück; eben aufgrund seines Opportunismus.

Gestolpert sind wir alle drei bei der Lektüre über seine flüchtigen Affären mit der Frage: Musste das unbedingt mit ins Buch? Auch im Hinblick auf seine langjährige Gefährtin Teophila. Eine interessante Diskussion zu heutigen Beziehungen, Scheidungskinder und die Ehe begann.

Fazit: "Mein Leben" von Marcel Reich-Ranicki ist ein Stück Zeitgeschichte in deren Zentrum die Liebe zur Literatur steht. Eine Liebe, die ihm mehr als einmal das Leben gerettet hat und mit der er seinen größten Traum verwirklichen konnte. Für alle, die das geschriebene Wort ebenso lieben, ist dieses Buch ein Geschenk!

Die Autobiografie wurde 2009 mit Matthias Schweighöfer verfilmt.

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Marcel Reich-Ranicki "Mein Leben"
DVA 1999